KATRIN BONGARD
BIG LOVE

E-Book Gebunden Paperback Seiten ISBN |
3,99 € 22,00 € 12,00 € 324 9783946494447 |
Young Adult, All Age,
*Freundschaft, Selbstfindung, die erste große Liebe — und Fußball*
Seit dem Tod ihres Vaters hat Melissa (16) das Interesse an allem verloren. Sogar an Fußball, ihrem Lieblingssport, obwohl sie eine hochtalentierte Fußballerin ist. Stattdessen bringt sie ASMR-Videos und ernährt sich ungesund. Erst die Aussicht, in das gemischte Fußballteam der Schule aufgenommen zu werden, begeistert sie neu. Und dann ist da Konrad, der charismatische Kapitän des Teams. Eigentlich sollte die Aufnahme kein Problem sein – doch nicht alles sind glücklich über die neue Spielerin und ihre Nähe zu Konrad.
Zeit für Melli, sich neu zu erfinden und zu ihren Wünschen und Gefühlen zu stehen.
Melissa
Weiß ist die Farbe der Unschuld. Rein, sauber, klar. Sachlich. Wie eine weiße Linie auf dem grünen Rasen, die dir sagt, wann du draußen bist oder drinnen. Im Strafraum oder davor, im Spielfeld oder daneben. An viele Stellen finde ich Weiß gut. Neutral und unparteiisch.
Nicht für, nicht dagegen. Alles ist gleich gut. Von hier kann ein Neustart beginnen. Dann ist es vielleicht okay, in ein Zimmer zu ziehen, in dem alles weiß ist?
Wenn eine Panikattacke langsam meinen Körper hochkriecht, dann ist es gut, wenn ich mit jemandem rede. Also rufe ich Elena an. Beste Freundin. Verteidigerin. Auch gegen die dunklen Mächte,
die mich in letzter Zeit so oft angreifen.
»Das ist mein neues Zimmer.«
Ich drehe mich mit meinem Handy im Raum, damit Elena es sehen kann. Wände, Decke, Möbel. Alles weiß.
Elena blinzelt. »Ganz schön hell.«
»Es sieht in der Realität besser aus als auf dem Bildschirm. So ist das immer.«
Aber das stimmt nicht. Denn Elenas Zimmer sieht auch auf dem Handy-Display gemütlich und sonnig aus. Sogar noch sonniger als sonst, weil die Sonne gerade in ihr Zimmer scheint. Warm, geborgen. Heimat. Hamburg.
»Elli, ich vermisse dich.«
»Das wird schon.«
Ich nicke, obwohl ich das gerade nicht glauben kann.
Elena blinzelt. »Ist das ein Schrank?«
Ich drehe mich zu dem weißen Würfel, der noch nicht einmal Griffe zum Öffnen hat.
»Was ist da drin?«
»Keine Ahnung. Sollte ich das Ding je aufbekommen, hoffe ich, dass es leer ist.«
Denn der Kubus ist neben einem Regal der einzige Ort, in dem man in diesem Zimmer etwas verstauen kann.
»Mach ihn auf.«
»Wie denn?«
Ich halte das Handy hin, damit Elena versteht, was ich meine. Da ist nichts zum Öffnen.
»Vielleicht ist er extra abgeschlossen.«
Allerdings sehe ich auch kein Schloss.
Elena grinst. »Wenn ich komme, brechen wir ihn auf und finden …«
» … gar nichts.«
Denn ich bin mir sicher, dass Menschen, die so minimalistisch wohnen, keine Sachen in ihren Schränken zurücklassen.
»Sie haben ihre persönlichen Sachen alle mitgenommen.«
»Aha. Und wann kommen eure Sachen?«
»Heute.«
Ein kleiner Umzugswagen voll mit den Dingen, auf die wir nicht verzichten können. Den Rest haben wir in den letzten Monaten verkauft, verschenkt oder weggegeben. Am Ende haben wir uns zu dritt in unserem leeren Haus in einen Kreis gestellt und von unserem alten Leben verabschiedet. Meine Mutter, Adrian und ich. Die Restfamilie.
»Das ist jetzt also euer neues Haus.«
»Naja, nicht unser Haus. Wir haben es gemietet. Vorübergehend.«
Bevor wir vor eingezogen sind, hat hier eine Familie mit zwei Kindern gewohnt. Sie sind für ein Jahr nach Kanada gezogen und haben ihr Haus in der Zeit untervermietet. Möbliert und teilweise auch mit ihren Sachen, also Geschirr und Kochtöpfe, Gartengeräte und Teppiche. Wir werden hier wohnen, bis wir etwa Eigenes gefunden haben. Vorübergehend.
Allerdings ist vorübergehend gerade ein schwieriges Wort. Wie lange dauert es, bis etwas vorübergeht?
»Du wirst dich ganz schnell eingewöhnen. Und wir können uns besuchen. Ständig. Nix blifft, as dat is.«
Nichts bleibt, wie es ist.
Ich mag, wenn Elena Plattdeutsch redet. Irgendwie hört es sich nett und harmlos an, und nett und harmlos brauche ich gerade.
Vor einem Jahr ist mein Vater bei einem Sportunfall gestorben. Er ist beim Freeclimbing abgestürzt, sein Rettungsschirm hat sich nicht geöffnet. Seitdem sind wir zu dritt. Das Leben steht still oder
stand still, denn dieser Umzug ist die erste echte Entscheidung, die meine Mutter seitdem getroffen hat. Sie wollte weg aus dem Haus in Hamburg, in dem sie alles an ihn erinnert. Weg aus der Stadt, aus dem Job, aus dem Leben, das sie mit ihm verbindet.
Ich verstehe das alles. Aber Adrian und ich hatten dort auch ein Leben. Ich mag Hamburg. Ich mag den Hafen und das Meer, aber vor allem mag ich das Leben mit meinen Freundinnen. Mein Team.
Das erste Mädchenfußballteam der Schule.